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08.03.2026 01:00 | Teilen

Zum Frauentag:
Rosa Luxemburg, Kühnheit und Ausdauer
Nein, an diesem Tag geht es nicht um das
Überreichen von Blümchen. Es geht eigentlich um die Gleichheit der
Geschlechter, eingebettet in das Streben nach Gleichheit der Menschen.
Also ein Tag, an dem man an Rosa Luxemburg denken sollte. -
Über hundert Jahre nach seinen Anfängen hat sich der Internationale
Frauentag weit davon entfernt; von vielen wird er gar nicht mehr als
politischer Feiertag wahrgenommen, auch wenn es die Sozialistin Clara
Zetkin war, die seine Einführung vorantrieb. Und auch wenn das Datum,
das anfangs noch .. [Quelle:
dert.online] JWD
...nicht genau festgelegt war, letztlich am 8. März verankert wurde,
weil an diesem Tag im Jahr 1917 nach dem gregorianischen Kalender der
Streik von Textilarbeiterinnen in Petersburg die Februarrevolution in
Russland ausgelöst hatte.
Von Dagmar Henn | 07. März
2026 | RT DE (dert.online)

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RT DE
| KI-generiertes Bild
Zum Frauentag: Rosa Luxemburg, Kühnheit und Ausdauer
Über hundert Jahre nach seinen Anfängen hat sich der Internationale
Frauentag weit davon entfernt; von vielen wird er gar nicht mehr als
politischer Feiertag wahrgenommen, auch wenn es die Sozialistin Clara
Zetkin war, die seine Einführung vorantrieb. Und auch wenn das Datum,
das anfangs noch nicht genau festgelegt war, letztlich am 8. März
verankert wurde, weil an diesem Tag im Jahr 1917 nach dem
gregorianischen Kalender der Streik von Textilarbeiterinnen in
Petersburg die Februarrevolution in Russland ausgelöst hatte.
Zu diesem Zeitpunkt war der Frauentag in Deutschland ein Tag
heimlicher Treffen, ein Anlass, zu dem sich die Gegner des Weltkriegs
versammelten, der von jenem Teil der Arbeiterbewegung begangen und
genutzt wurde, der nicht mit auf die Kriegshysterie umgeschwenkt war.
Kein Tag der Nelken, sondern ein Tag des heimlichen Kampfes für ein
Ende des Gemetzels..
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Eine Zeit, die uns heute eigentlich näher ist als die
relative Ruhe des Jahres 1975, als die Vereinten Nationen diesen Tag
offiziell und weltweit einführten. Nicht nur wegen des
Kriegsgeschreis, auch nicht nur, weil die politischen Freiheiten in
allen Ländern des Westens auf eine Weise bedroht sind, die sehr an den
Burgfrieden des ersten Weltkriegs erinnert. Oder weil kaum zu
übersehen ist, dass all dieses Chaos für eine Phase des Umbruchs
steht, wie sie sich damals auch anbahnte. Sondern weil diese Gegenwart
in einem lang ungewohnten Maß Kühnheit und Klarheit erfordert und mit
"business as usual" nicht bewältigt werden kann.
Was zu einer Frau führt, der es gelang, den Kampf gegen diesen Krieg
in Deutschland selbst aus einer Gefängniszelle heraus zu leiten, bis
sie Anfang November 1918 durch den Aufstand aus ihr befreit wurde:
Rosa Luxemburg.
Ja, für sie war die Frauenfrage nur eine unter vielen, und ihre
theoretischen Arbeiten befassen sich vor allem mit anderen Themen. Sie
hat das auch klar formuliert:
"So wie nun aber die Pflicht zum Protest und zum Kampf gegen die
nationale Unterdrückung für die Klassenpartei des Proletariats
überhaupt nicht aus einem besonderen 'Recht der Nationen' folgt, so
folgt auch dessen Streben nach sozialer und politischer
Gleichberechtigung der Geschlechter überhaupt nicht aus einem
besonderen 'Recht der Frauen', auf welches sich die bürgerliche
Bewegung der Frauenrechtlerinnen beruft, sondern allein aus dem
allgemeinen Gegensatz zum Klassensystem, zu jeder Form von sozialer
Ungleichheit und gesellschaftlicher Herrschaft, mit einem Wort aus der
prinzipiellen Haltung des Sozialismus."
Die Kühnheit erkennt man, wenn man ihre Geschichte mit der
bürgerlichen Frauenbewegung vergleicht – sie verwandte ihre Zeit nicht
auf den Kampf für das Frauenwahlrecht, der in gewisser Weise ein Kampf
für eine offizielle Erlaubnis war, Politik machen zu dürfen (erst ab
1908 durften Frauen in Deutschland Mitglieder politischer Parteien
werden, was die SPD schon lange ignoriert hatte; das Wahlrecht gab es
erst nach der Revolution 1918), sondern sie machte sie einfach. Als
Rednerin, als Organisatorin, als Lehrerin an der damaligen
Parteischule der SPD, und als Theoretikerin.
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Im Jahr 1871 im russischen Teil Galiziens geboren und in Warschau
aufgewachsen, hatte sie die polnische Heimat als 18-Jährige verlassen,
um einer Verhaftung aus politischen Gründen zu entgehen. Sie studierte
dann in der Schweiz, promovierte über die Industrialisierung Polens
und lebte und arbeitete ab 1898 in Deutschland, nachdem sie über eine
Scheinehe die deutsche Staatsbürgerschaft erlangt hatte. In jener
Zeit, als politische Debatten gerade innerhalb der Arbeiterbewegung
weit grundsätzlicher geführt wurden, als man es heute meist gewohnt
ist, war sie eine der vernehmbarsten Stimmen. Weder durch die
Hindernisse, die die Gesellschaft aufbaute (sie studierte auch deshalb
in der Schweiz, weil das in Deutschland für Frauen noch nicht möglich
war), noch in der Partei ließ sie sich davon abhalten. Als sie 1898 in
die SPD eintrat, war das noch zehn Jahre lang illegal; selbst noch
1906, als sie ihre Tätigkeit an der Parteischule aufnahm.
Über Jahre hinweg führte sie eine Auseinandersetzung mit Lenin. Die
eigentlich als interne Debatte der russischen Sozialdemokratie begann,
denn Kongresspolen war Teil des russischen Reiches. Wobei die
Positionen auf den ersten Blick überraschen dürften. Was Luxemburg,
die in Polen geborene, besonders vehement ablehnte, war der Begriff
vom Selbstbestimmungsrecht der Nationen, den Lenin, der Großrusse,
ebenso vehement vertrat; eine Debatte, die sich über zwei Jahrzehnte
hinzog, und in ihrer letzten Phase, im Jahr 1918, keine
Auseinandersetzung über eine Theorie mehr war, sondern eine über
Praxis.
In ihrem kurzen Aufsatz über die russische Revolution, den sie noch im
Gefängnis schrieb (und der erst Jahre nach ihrer Ermordung im Januar
1919, nämlich 1922, veröffentlicht wurde), wiederholte sie ihre
Position ein letztes Mal:
"Während Lenin und Genossen offenbar erwarteten, daß sie als
Verfechter der nationalen Freiheit 'bis zur staatlichen Absonderung'
Finnland, die Ukraine, Polen, Litauen, die Baltenländer, die Kaukasier
usw. zu ebenso vielen treuen Verbündeten der russischen Revolution
machen würden, erlebten wir das umgekehrte Schauspiel: Eine nach der
anderen von diesen 'Nationen' benutzte die frisch geschenkte Freiheit
dazu, sich als Todfeindin der russischen Revolution gegen sie mit dem
deutschen Imperialismus zu verbünden und unter seinem Schutze die
Fahne der Konterrevolution nach Rußland selbst zu tragen."
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Im März 1918, fünf Monate nach der Oktoberrevolution, war
der Frieden von Brest-Litowsk geschlossen worden, im September und
Oktober 1918 schrieb sie ihren Aufsatz, am 11. November wurde, auch
dank der inzwischen in Deutschland ausgebrochenen Revolution, der
Vertrag von Brest-Litowsk annulliert, aber nur ein Teil seiner
Ergebnisse. Die Umstände dieses Vertrags waren ihr vermutlich nicht
näher bekannt; man kann ihr aber nicht zum Vorwurf machen, im
Gefängnis nicht umfassend informiert gewesen zu sein. Erstaunlich
genug, dass es ihr, zusammen mit dem ebenfalls inhaftierten Karl
Liebknecht, dennoch gelang, rund um die "Spartakusbriefe" die
deutschen Kriegsgegner zu sammeln. Jedenfalls warf sie den Bolschewiki
– und damit Lenin – vor, die zahlreichen Abtrennungen von russischem
Gebiet selbst gefördert zu haben:
"Die realen Klassengegensätze und die militärischen
Machtverhältnisse haben die Intervention Deutschlands herbeigeführt.
Aber die Bolschewiki haben die Ideologie geliefert, die diesen Feldzug
der Konterrevolution maskiert hat, sie haben die Position der
Bourgeoisie gestärkt und die der Proletarier geschwächt. Der beste
Beweis ist die Ukraine, die eine so fatale Rolle in den Geschicken der
russischen Revolution spielen sollte. Der ukrainische Nationalismus
war in Rußland ganz anders als etwa der tschechische, polnische oder
finnische, nichts als eine einfache Schrulle, eine Fatzkerei von ein
paar Dutzend kleinbürgerlichen Intelligenzlern, ohne die geringsten
Wurzeln in den wirtschaftlichen, politischen oder geistigen
Verhältnissen des Landes, ohne jegliche historische Tradition, da die
Ukraine niemals eine Nation oder einen Staat gebildet hatte, ohne
irgendeine nationale Kultur, außer den reaktionär-romantischen
Gedichten Schewtschenkos. Es ist förmlich, als wenn eines schönen
Morgens die von der Waterkant auf den Fritz Reuter hin eine neue
plattdeutsche Nation und einen selbständigen Staat gründen wollten!"
Alexander Rabinowitchs Buch "Die Sowjetmacht – Das erste Jahr"
beschreibt sehr plastisch, in welcher Zwangslage sich die junge
sowjetische Regierung damals tatsächlich befand. Zum Zeitpunkt der
Vertragsunterzeichnung stand das deutsche Militär gerade einmal 70
Kilometer von Petrograd entfernt; die zaristische Armee existierte
nicht mehr, weil die Bauernsöhne heimgekehrt waren (wovon sie keine
Macht der Welt hätte abhalten können), eine neue Armee war noch nicht
geschaffen und der Koalitionspartner, die Sozialrevolutionäre,
vereinfachte die Lage auch nicht, weil er der romantischen Vorstellung
folgen wollte, mit wehenden Fahnen unterzugehen. Diesen Vertrag zu
unterzeichnen, war also die einzig mögliche rationale Entscheidung –
auch wenn er die Abtrennung Finnlands, Polens, der Ukraine und einer
Reihe weiterer Gebiete zur Folge hatte. Es waren weit mehr die
konkreten Umstände, die dazu führten, als die zuvor geäußerte
theoretische Position; würde man Luxemburg selbst an die Stelle Lenins
setzen, in diesem Moment – sie hätte auch nicht anders entschieden.
Teilweise gesteht sie das ein:
"Freilich, ohne die Hilfe des deutschen Imperialismus, ohne 'die
deutschen Gewehrkolben in deutschen Fäusten', wie die 'Neue Zeit'
Kautskys schrieb, wären die Lubinskys und die anderen Schufterles der
Ukraine sowie die Erichs und Mannerheims in Finnland und die
baltischen Barone mit den sozialistischen Proletariermassen ihrer
Länder nimmermehr fertig geworden."
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Luxemburg hatte, vor ihrer Zeit in Deutschland, einen langen Streit mit
der Polnischen Sozialistischen Partei (PPS) geführt, die die Forderung
nach einer polnischen Unabhängigkeit vertrat. In ihrer Schrift
"Nationalitätenfrage und Autonomie" aus dem Jahr 1908 führte sie genauer
aus, warum sie nicht Unabhängigkeit, sondern eine selbstverwaltete
Autonomie innerhalb des russischen Reiches für die richtige Forderung
für Kongresspolen hielt:
"Heute wäre also die Idee, das Handels- und Zollgebiet Russlands wieder
in einzelne Provinzterritorien zu zerschlagen, gleichbedeutend mit dem
Ansinnen, von der großindustriellen Produktion zu den Formen der
Vormanufakturproduktion zurückzukehren, mit denen zusammen die
Zollautonomie Polens begraben wurde, also mit dem Ansinnen, den
polnisch-russischen Kapitalismus zu vernichten, doch nicht mit Hilfe der
revolutionären Methode, die nach weit fortschrittlicheren Verhältnissen
strebt, sondern umgekehrt mit Hilfe der reaktionären Methode durch das
Zurücksetzen auf bereits überlebte und längst überwundene Verhältnisse."
Diese Position hatte sie auch auf dem Kongress der Sozialistischen
Internationale 1896 in London vertreten, wo sie dem damaligen
Gegenspieler und PPS-Mitbegründer Józef Pilsudski begegnete, der später
über das abgetrennte Polen herrschte.
Eine Prognose, die Pilsudski-Polen später bestätigt hat, und die sich
nach dem Zerfall der Sowjetunion gewissermaßen wiederholte. Keines der
abgetrennten Gebiete erlebte danach eine wirtschaftliche und soziale
Blüte. Faktisch sind gerade die baltischen Kleinstaaten ohne
Subventionen nicht lebensfähig, und die einzig möglichen Rollen für
Staaten dieser oder noch geringerer Größe, als Tummelplatz für
Briefkastenfirmen, Steuerhinterzieher und die Jeunesse Dorée, sind
bereits vergeben, an die Schweiz, Luxemburg, Monaco … abgesehen davon,
dass Bevölkerungen von knapp drei bis nur eineinhalb Millionen für eine
eigene Sprache eine Zweitsprache geradezu erzwingen.
"Neben den allermächtigsten Nationen, den Wortführern der
kapitalistischen Entwicklung, die über die für ihre wirtschaftliche und
politische Selbständigkeit notwendigen materiellen und geistigen Mittel
verfügen, wird die 'Selbstbestimmung', die selbständige Existenz der
kleineren und kleinen Nationen zu einer immer größer werdenden Illusion.
Die Rückkehr aller oder auch nur eines beträchtlichen Teils der heute
niedergerungenen Nationen zu ihrer selbständigen Existenz wäre nur
insoweit möglich, wie kleinstaatliches Dasein im kapitalistischen
Zeitalter Chancen und Zukunftsaussichten besäße."
Auch das ist eine durchaus zutreffende Bewertung. Wobei die
Voraussetzungen für die wirtschaftliche und politische Selbstständigkeit
heute noch weit höher sind als vor über hundert Jahren, als dieser Text
entstand. Allerdings hat genau der Begriff vom Selbstbestimmungsrecht
der Nationen in einem ganz anderen Zusammenhang eine weitaus positivere
Rolle gespielt – in den Befreiungskämpfen der Kolonien. Selbst wenn der
Weg von einer nominellen zu einer faktischen Souveränität von
Rückschlägen und Widersprüchen geprägt ist; eine wirkliche Entwicklung
setzt in diesen Fällen eben jene Selbstbestimmung voraus. Das letzte
Urteil darüber, wo im Streit zwischen Luxemburg und Lenin die Wahrheit
liegt, ist noch nicht gesprochen.
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Wobei Luxemburg sicher auch diese Frage bezüglich der Kolonien konkret
entschieden hätte. Ihre Haltung zur Unabhängigkeit Polens sowie zur
Ukraine beruhte schließlich auf einer konkreten Kenntnis der
Verhältnisse, aus einer Untersuchung der wirtschaftlichen wie der
politischen Zusammenhänge (die von ihr bezogen auf Polen in dem oben
erwähnten Buch ausführlich dargestellt werden). Sie war schließlich
nicht jemand, der Politik aus der Ferne betrachtet, sondern jemand, der
seit seiner Schulzeit in praktische politische Auseinandersetzungen
involviert war, und schätzte den Marxismus vor allem als Werkzeug: "Der
marxistische Sozialismus unterscheidet sich unter anderem dadurch von
allen anderen 'Sozialismen', dass er nicht behauptet, in der Tasche für
jedes in der geschichtlichen Entwicklung entstandene Loch Flicken zu
besitzen."
Luxemburg begab sich mit solcher Selbstverständlichkeit in die
politischen Gefechte, dass man fast geneigt ist, völlig zu übersehen,
wie weit sie gerade darin ihrer Zeit voraus war. Wenn man ihre Haltung,
ihre Konsequenz und ihre gedankliche Tiefe mit dem vergleicht, was sich
aktuell als bürgerliches Quotenmaterial auf den Gängen der europäischen
Politik herumtreibt, wird erst ihre wahre Größe deutlich. Und das Fehlen
fühlbar.
Wäre sie ein Vorbild für die jungen Frauen, der Frauentag wäre seiner
ursprünglichen Bedeutung wieder näher. Und was sich aus ihrer Sicht auf
die damalige Zeit lernen lässt, ist vor allem die Anforderung, selbst zu
denken. Was sich aus ihrem Leben lernen lässt, sind Kühnheit und
Ausdauer. Den richtigen Weg gilt es jeweils selbst zu finden:
"Die Geschichtsdialektik hat nämlich gezeigt, dass es 'ewige'
Wahrheiten und so auch 'Gesetze' gar nicht gibt, dass, um mit den Worten
von Engels zu sprechen, 'das, was jetzt oder hier gut, dort oder dann
schlecht wird und umgekehrt', dass das, was unter bestimmten Umständen
richtig und vernünftig sei, unter anderen zu Unrecht und Unsinn werde."
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